Rheinischer Merkur, 17. August 2006, Geschichte
Ein moralisches Desaster
Israel wollte 1982 schon einmal seine Gegener im Libanon ausschalten. Ohne Erfolg.

Ariel Scharon ließ die eigenen Truppen bis Beirut fahren. Die PLO konnte er damals vertreiben. Doch einen Frieden auf Dauer gewann er nicht.

Seit 30 Jahren ist der Libanon ungewollt Brennpunkt des Nahostkonflikts. Innenpolitischer Streit, von auswärtigen Kräften geschürt und für eigene Interessen systematisch genutzt, gewaltsame Auseinandersetzungen und direkte militärische Interventionen der Nachbarländer führen in den 1970er Jahren zu einer Schwächung des Staates. Es folgt der offene Bürgerkrieg, der eine massive Zerstörung des Landes nach sich zieht. Auswärtige Mächte ziehen auch hier die Fäden. Der Nahostkonflikt hat den Libanon nun vollends erreicht. Anfang der 1980er Jahre greift Israel erstmals massiv militärisch ein. Zehntausende Zivilisten kommen ums Leben. Was war geschehen?

Die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) unter Jassir Arafat verlegt im Herbst 1970 ihr Hauptquartier von Amman in die libanesische Hauptstadt Beirut. Nach bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen in Jordanien hatte sie König Hussein des Landes verwiesen. Die Palästinenser bedrohen das nach dem Konfessionsproporz aufgebaute, fragile Gleichgewicht zwischen den libanesischen Volksgruppen, Christen, Drusen, Schiiten und Sunniten. Nach dem „Nationalpakt“ von 1943 steht jeder anerkannten Religionsgruppe ein ihrer Stärke entsprechender Anteil an öffentlichen Ämtern zu.

Die Palästinenser entwickeln sich im Libanon zu einer Macht im Staate. Zudem gefährdet die PLO, die vom Südlibanon aus Terroroperationen gegen Israel führt, die Neutralität des Landes. Das ethnisch-konfessionelle Gleichgewicht ist empfindlich gestört. Die Christen fürchten um ihre Vorrangstellung. Es kommt zu Anschlägen, kleineren Massakern, schließlich offenen Kämpfen zwischen christlich-maronitischen Milizen und der PLO. Die palästinensischen Interessen, Syriens Ansprüche im Nachbarland und Israels Sicherheitsbedürfnis stürzen das Land schließlich in den Bürgerkrieg. Die reguläre libanesische Armee zerfällt. Bei wechselnden Allianzen kommt es zu Kämpfen zwischen Palästinensern, christlichen, drusischen und muslimischen Truppen sowie verschiedenen Milizen; die libanesischen Gruppen werden dabei von Syrien wie Israel unterstützt.
Nach einem Waffenstillstand besetzt die syrische Armee 1976 schließlich strategisch bedeutsame Teile des Libanon. Die Syrer wollen zum einen verhindern, dass das Land in Territorien zerfällt, die von den verschiedenen Konfessionen beherrschten werden; zum anderen fürchten sie eine dominierende Stellung der von Israel unterstützten christlich-maronitischen Kräfte.

Ende der Freundlichkeiten

Israel greift nach palästinensischen Terrorakten erstmals im März 1978 militärisch ein, um der wachsenden Bedrohung durch die PLO zu begegnen, die vom Süden des Nachbarlandes aus operiert. Der Südlibanon gilt als „Fatah-Land“, benannt nach der von Arafat Mitte der 1960er Jahre gegründeten Guerilla-Organisation. Israel erobert einen Grenzstreifen und überlässt ihn der Kontrolle verbündeter christlicher Milizen. Von der südlibanesischen, schiitischen Bevölkerungsmehrheit werden die Israelis zunächst freundlich aufgenommen. Die mehrheitlich sunnitischen Palästinenser sind wenig beliebt.
Nach dem Friedensvertrag mit Ägypten 1979 und der Räumung des Sinai baut Israel die Siedlungen in den besetzten Gebieten aus. Ost-Jerusalem und der Golan werden annektiert. Der Friede mit Kairo verschiebt das regionale Kräfteverhältnis zugunsten Israels. Im Südlibanon ist die Zeit der Freundlichkeiten vorbei. Das Kabinett Menachem Begin beschließt, massiv gegen die PLO vorzugehen. Am 6. Juni 1982 rücken israelische Truppen in den Libanon ein. Die „Frieden für Galiläa“ genannte Operation verantwortet Verteidigungsminister Ariel Sharon.

Als Grund für die militärische Intervention wird das Attentat auf den israelischen Botschafter in London genannt. Die Armee soll entlang der Grenze einen rund 40 Kilometer breiten Streifen des libanesischen Territoriums als Schutzzone einrichten. Israels Regierungschef verspricht, dass keine Raketen mehr auf Kiriat Schmona und Naharija im Norden des Landes fallen werden. Das eigentliche, von Sharon später bestätigte Motiv des Libanonkrieges ist die Zerschlagung der PLO, die Einsetzung einer Israel freundlich gesinnten libanesischen Regierung, die Schwächung Syriens und eine dauerhafte Sicherung der Nordgrenze.
Es kommt zu heftigen Kämpfen mit der PLO; auch syrische Truppen sind verwickelt, können (oder wollen) den Vormarsch Israels aber nicht stoppen. Syriens Haltung ist zwiespältig: Arafats Organisation ist Präsident Assad längst zu mächtig geworden. Die Bodenoffensive der Israelis wird von schweren Bombardements der Luftwaffe begleitet. Im israelischen Bombenhagel sterben in Beirut und anderen libanesischen Städten Schätzungen zufolge Zehntausende Zivilisten, darunter Tausende Palästinenser. Hunderttausende verlassen den Süden des Landes.

Über Sidon und Tyrus dringen die israelischen Truppen bis Beirut vor. Nach wochenlanger Belagerung kann die Armee im August rund 10.000 PLO-Kämpfer einkesseln und zur Aufgabe zwingen. Unter Aufsicht einer internationalen Schutztruppe verlassen Arafat und seine Getreuen per Schiff den Libanon und gehen für Jahre ins Exil nach Tunis. Bei den Verhandlungen treten die Vereinigten Staaten als Vermittler auf. Der Maronit Bachir Gemayel wird zum Präsidenten gewählt, bereits zwei Wochen später, am 14. September 1982, jedoch bei einem Attentat ermordet.

Maronitische Milizen töten in den palästinensischen Lagern Sabra und Schatila daraufhin rund 2.500 Flüchtlinge. Die israelische Armee lässt die Verbündeten gewähren, die offiziell nach Waffenlagern suchen. Die Massaker führen zu scharfen Protesten – auch in Israel, wo der Krieg zunächst nur vereinzelt auf Kritik gestoßen war. Als Folge der Vorkommnisse und einer zunehmend selbstherrlicheren Kriegsführung muss Verteidigungsminister Sharon im Februar 1983 zurücktreten. Im Mai des gleichen Jahres beginnt Israel mit dem Abzug seiner Truppen. 1985 wird das Gros der Armee in die Heimat verlegt. Rund 1.000 Soldaten verbleiben bis zum Jahr 2000 im Grenzgebiet, in einer so genannten Sicherheitszone zur Abwehr terroristischer Angriffe.

Geburt der Hisbollah

Längst ersetzt ein neuer Gegner die vertriebenen palästinensischen Kommandos. Noch während der israelischen Operation 1982 entsteht im Südlibanon die schiitische „Hisbollah“, die Partei Gottes. Nach der Revolution des Ayatollah Khomenei im Iran rekrutieren Revolutionsgarden unter libanesischen Glaubensbrüdern junge Männer; viele von ihnen haben im Libanonkrieg Angehörige verloren. Bekannt wird die neue Gruppierung durch Bombenattentate auf amerikanische und französische Soldaten der im Libanon stationierten internationalen Schutztruppe. In der von Israel beanspruchten Schutzzone tötet die Hisbollah in den Folgejahren Hunderte Soldaten; Katjuscha-Raketen treffen immer wieder nordisraelische Siedlungen.