Das Parlament, 19. Mai 2008, Sport und Politik
Im Zeichen der Macht
Ein Athlet gewinnt nicht nur für Karriere, Ruhm und Geld. Sondern auch für Partei und Vaterland

Zehntausende stehen dicht gedrängt an diesem 14. Juni 2006 im Dortmunder Westfalenstadion. Die Schlussminute läuft. Die Spannung ist fast unerträglich. 0:0 - ein Tor muss her, nur ein Tor! Das Remis hilft der eigenen Mannschaft nicht weiter. Der Ball wird nach vorn gespielt. Dann flankt David Odonkor scharf in die Mitte, Oliver Neuville rutscht in den Ball - und prompt zappelt das runde Leder im Netz!

Die Arena bebt, tobt, schreit. Ein Meer von Fahnen, schwarzrotgold. Wildfremde Menschen liegen einander in den Armen - im Stadion wie vor Millionen Fernseh-Bildschirmen. Deutschland besiegt Polen in der WM-Vorrunde. Kommentatoren loben nach diesem Auftritt der Nationalmannschaft nicht nur das Sportlich-Spielerische; viele schwärmen von einer Atmosphäre, die die Spielstätten, ja das ganze Land erfasst hat - ein „Sommermärchen“ beginnt.

Politische wie wirtschaftliche Reformvorhaben der Regierung, die bis zur Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land öffentlich kontrovers diskutiert wurden, scheinen vergessen. Obsolet auch die Sorge, Deutschland werde seine Gäste nicht herzlich empfangen. Die Stimmung ist prächtig, schwarzrotgold bleibt die Farbe des Sommers. In Feuilletons und Expertenrunden wird über Patriotismus diskutiert, weil „im Ausland der neue, unverkrampfte Umgang mit den Nationalsymbolen auffällt“. Gern zeigen sich die politisch Handelnden jeglicher Couleur in den Stadien. Die Opposition warnt, die Regierung könnte die Jubelstimmung ausnutzen und das unpopuläre Reformwerk rasch fortführen.

Endlich vereint

Hervorgehoben wird auch, dass die deutschen Spieler, die den 1:0 Sieg gegen Polen entscheidend sicherten, einen „Migrationshintergrund“ haben – wie es im Amtsdeutsch heißt: David Odonkors Vater stammt aus Ghana, Oliver Neuvilles Mutter aus Italien. Vergessen auch das Murren über die Geldtransfers in den Osten der Republik und die notorischen „Besserwessis“ aus dem alten Bundesgebiet. Endlich ist Deutschland (wieder) einig Vaterland.

Sport – das zeigt die Episode und ihre Wirkung - ist durch und durch politisch, der Glaube an einen unpolitischen Wettkampf nur Mythos. ARD-Sportjournalist Waldemar Hartmann wird im Zeitungsinterview noch deutlicher. Auch 2008 sei der Sport „so politisch wie eh und je. Schon durch die Kommerzialisierung oder die Fördergelder des Staates.“ Und: „Der Sport firmiert auch als politisches Vehikel – so funktionieren Gesellschaften, Mediengeschäft und Revolutionsbewegungen. Mit der Instrumentalisierung der Olympischen Spiele werden wir in Peking wie bei allen anderen Spielen zuvor umzugehen haben.“

Europäische Idee

Demnach ist die Geschichte der modernen olympischen Bewegung bloß Spiegelbild der Zeitgeschichte. Sportlicher Wettkampf überhaupt wäre nur Teil politisch-gesellschaftlicher Entwicklungen. Eike Emrich, Sportsoziologe und Vizepräsident für Leistungssport im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) betont, dass die Olympischen Spiele schon vom antiken Ursprung her eine durch und durch europäische Idee sind, die dem Prinzip folgt „Der Erste ist der Beste“, und die sich dem mittelalterlichen Ideal der Ritterlichkeit, des Fairplay verpflichtet weiß. Der Saarbrücker Professor findet in den olympischen Idealen aber auch Gedankengut der Aufklärung verwirklicht, etwa Chancengleichheit und die Idee „der Perfektionierbarkeit von Leistung in eine offene Zukunft hinein“. Olympia ein Sammelsurium ideeller (politischer) Grundsätze.

Die seit 1896 ausgetragenen Treffen im Zeichen der Ringe sind all das und noch mehr. Sie wollen die fünf Kontinente verbinden. Sie erheben den Anspruch, „dem sportlichen Vergleich und der Völkerverständigung zu dienen“. Ein schwieriger Spagat, damals wie heute. In einer zwar zunehmend vernetzten, äußerst komplexen Welt scheint er (fast) unmöglich. Die Realität entsprach denn auch nie diesem Anliegen, was ein Rückblick belegt, und wird ihm auch in Zukunft nicht Rechnung tragen – wie die Diskussion um die Spiele von Peking zeigt.

Beispiele: Bei den Spielen von Antwerpen 1920 wurden Deutschland, Österreich, Bulgarien, Ungarn und die Türkei ausgeschlossen – als Folge des Ersten Weltkriegs. Das von den Revolutionswirren gezeichnete Russland wies die Einladung zum „Treffen der Jugend der Welt“ zurück. Vier Jahre später in Paris wurde das demokratische Deutschland Weimarer Prägung wieder nicht eingeladen. Die bestehenden Gräben waren offenbar noch zu tief.

Ausgerechnet das nationalsozialistische Deutschland kommt 1936 dann in den Genuss, die Spiele erstmals in Berlin austragen zu dürfen. Bereits 1916 sollten die Spiele dort stattfinden, was der Krieg verhinderte. 1931 wurden sie dann an Deutschland vergeben, ein Votum gegen das sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Widerstand regte. Boykottaufrufe in den USA begegnete das Regime mit der Versicherung, die olympischen Ideale zu achten, Sportler unabhängig von Herkunft und Religion zuzulassen und das Organisationskomitee nicht zu bevormunden.

Die Partei hatte das ungeheure Potenzial dieser Spiele erkannt: In einem bis dahin nicht gekannten Maß wurden die Wettkämpfe inszeniert. Olympia stand 1936 ganz im Dienste nationalsozialistischer Ideologie. Technische Errungenschaften wie das Fernsehen wurden herausgestellt, der angeblich friedliche Charakter des Regimes betont, der erste Platz in der Nationenwertung als Beleg für die Überlegenheit des Systems herangezogen. Stimmig war das Ganze zwar nicht, doch wer vermochte sich diesem Blendwerk zu entziehen? Drei Jahre später wurden die Spiele von Berlin dann aber endgültig als Farce entlarvt: der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.

Auch nach dieser Tragödie, der mehr als 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen, war und ist Sport politisch. Einige Beispiele: 1954 gewinnt Deutschland die Fußballweltmeisterschaft in der Schweiz. Das Ereignis wirkt auf die von ideologischer Verirrung, verbrecherischem Handeln und bedingungsloser Kapitulation zutiefst gezeichnete und verunsicherte Nation wie ein Weckruf. „Das Wunder von Bern" hat sich nicht nur der Nachkriegsgeneration zutiefst eingeprägt; es gehört zu den Gründungsmythen des neuen, demokratischen Deutschlands. Großeltern und Eltern erzählen noch heute, dass sie spürten: „Nun sind wir wieder wer.“ Die bedrückende Vergangenheit wollte man vergessen und von den Völkern wieder geachtet werden.

Olympia mit Hindernissen

Die Nachkriegszeit, der Kalte Krieg. An den Spielen von Melbourne 1956 wollten oder durften nicht alle teilnehmen: Spanien, die Niederlande und die Schweiz blieben den Wettkämpfen wegen der politischen Unruhen in Ungarn fern. Zwischen Sportlern der Sowjetunion und Ungarns kommt es während der Wettkämpfe zu Handgreiflichkeiten. Drei weitere Staaten, Ägypten, Libanon und der Irak boykottierten die Spiele wegen der Suezkrise; der Volksrepublik China wurde die Zulassung verwehrt.

Politik war auch zwölf Jahre später spürbar. Deutschland tritt mit zwei Mannschaften an; 1956 und 1964 war es noch eine gesamtdeutsche gewesen. Die US-Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos, die im 200-Meter-Lauf Gold und Bronze gewonnen hatten, zogen sich während der Siegerehrung schwarze Handschuhe an – weil sie nur über ein Paar verfügten, der eine rechts, der andere links – und reckten sie jeweils zur Faust geballt in den abendlichen Himmel. Das Zeichen der „Black-Power Bewegung“ in den USA war ihr Protest gegen die Diskriminierung von Schwarzen in ihrer Heimat. Nach der Siegerehrung wurden die zwei Sprinter vom amerikanischen Nationalen Olympischen Komitee aufgefordert, das olympische Dorf zu verlassen; erst viele Jahre später folgten Rehabilitierung und Ehrungen.

Dann die Spiele von München 1972, Montreal 1976, Moskau 1980 und Los Angeles 1984: Es waren politische, von Drohungen, Terror und Boykotts begleitete „Treffen der Jugend der Welt“, medial verbreitete Spektakel, die nicht nur herausragenden Athleten Karrieren, Ruhm und Geld versprachen. Die Veranstalter wussten sie mehr und mehr zu nutzen, wirtschaftlich wie politisch. Leistungssportler wird zur Berufsbezeichnung, Erfolg die einzige Maxime. Mit Sport zur Förderung der Gesundheit hatte das aber nichts mehr zu tun – es wird gedopt. In München töteten Palästinenser israelische Sportler, weil die Welt zuschaute. Den Terror verstanden sie als politische Waffe. In Montreal blieben zahlreiche afrikanische Staaten aus Protest gegen das Apartheid-Regime in Südafrika den Spielen fern. Die Sowjetunion wurde 1980 für den Einmarsch in Afghanistan abgestraft; dem Boykottaufruf von US-Präsident Jimmy Carter folgten 64 Länder. Vier Jahre später blieben die Ostblockstaaten – außer Rumänien – den Spielen fern. Man fürchte um die Sicherheit der Athleten, hieß es offiziell. Ein Revanchefoul.

Und jetzt Peking. Helmut Schmidt warnt in „Die Zeit“ davor, die chinesische Regierung in der Tibetfrage weiter zu provozieren. Dies könne einen gefährlichen Nationalismus hervorbringen, „nicht aber Respekt vor der Würde des einzelnen Menschen. Wer von außen sich an solcher Zuspitzung beteiligt, der verkennt die Vitalität Chinas und sein künftiges wirtschaftliches und politisches Gewicht in der Welt.“ Man mag es beklagen, aber Sport und Politik lassen sich nicht voneinander trennen.