Deutschlandfunk, 6. März 2006, 19.15 Uhr, Politische Literatur
Über die Strukturen türkischen Lebens
Soziologin Keleks Plädoyer für die Selbstbestimmung der türkischen Frau

Als vor gut einem Jahr das Buch „Die fremde Braut" aus der Feder der türkischstämmigen Soziologin Necla Kelek in die Läden kam, war der Ärger vorprogrammiert. Denn das darin behandelte Thema „Zwangsverheiratungen" brachte nicht nur Deutschlands Multikulti-Gutmenschen in schwere Argumentations- und Gewissensnöte, genauso schlug Kelek auch der Hass ihrer konservativen Landsleute entgegen. Immerhin hatte sie einen Blick ins Innerste der türkischen Parallelwelt in Deutschland gewagt.

Auch Keleks neues Buch ist ein Plädoyer für die Selbstbestimmung der türkischen Frau, denn – so der Untertitel – die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes vorausgehen müsse.

Am Anfang steht ein Verdikt: Die Integration sei gescheitert. Statt miteinander lebten Deutsche und Türken nebeneinander. Die Realität habe die Hoffnung widerlegt, die Neubürger aus Anatolien würden irgendwann schon in ihrer neuen Heimat ankommen. Nicht demokratische Überzeugungen, sondern der Islam stifte Identität – in einem „von Männern exekutierten Wertesystem der Familie und der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen." Deutliche Worte, die Necla Kelek, deutsche Soziologin türkischer Herkunft, in ihrem neuen Buch, „Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes", gleich auf den ersten Seiten findet. Sie sind wohl vor allem an ihre Kritiker gerichtet, die der Trägerin des Geschwister-Scholl-Preises von 2005 vorwerfen, unseriös zu arbeiten. Sie habe, so heißt es etwa in einer von 60 Migrationsforschern unterzeichneten Petition, „eigene Erlebnisse und Einzelfälle zu einem gesellschaftlichen Problem aufgepumpt". Die Wochenzeitung „Die Zeit" hatte den Einwand Anfang Februar veröffentlicht.

Seitdem ist nicht nur in den Feuilletons überregionaler Zeitungen eine Diskussion entbrannt, die den Verkauf von Keleks erstem Buch, „Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland", weiter beförderte; gleiches dürfte dem neuen, 208 Seiten starken Titel widerfahren, der mit einer Startauflage von 50.000 Exemplaren zur Leipziger Buchmesse am 16. März erscheint. Dieser Erfolg Keleks lässt sich aber nicht allein auf eine Debatte unter Wissenschaftlern zurückführen. Die Autorin spricht vielmehr Probleme an, stellt unbequeme Fragen, wehrt sich gegen Denkverbote – und provoziert durch so manche Forderung:

„Warum sind so viele muslimische und türkische Jungen Schulversager? Warum haben viele türkische Jungen ein Gewaltproblem? Warum sitzen überproportional viele Muslime in deutschen Gefängnissen? Sind soziale Benachteiligung und mangelnde Bildungschancen die Ursachen dafür? Oder der Islam und die archaischen Stammeskulturen einer sich ausbreitenden „Parallelgesellschaft"?

Wer nach Antworten sucht, wird nicht umhin kommen, das Verhältnis von Einzelnem und Kollektiv, Familie und Tradition, Gewalt und Gehorsam, Ehre und Schande, Islam und Integration zu beleuchten und unbequeme Erkenntnisse auszubreiten. Zu lange wurden Fragen danach nicht gestellt. Das hat den Migranten ebenso wie der hiesigen Gesellschaft geschadet. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass die für die islamische Community verpflichtenden Gebote wie Respekt, Ehre und Schande von Männern formuliert werden. Es sind Männer, die ihre Einhaltung kontrollieren, und es sind Männer, die fraglos die Strafe exekutieren, wenn ihre Frauen die „Ehre" der Familie verletzen oder aus der ihnen zugewiesenen Rolle auszubrechen versuchen. Und es sind Männer, die deshalb immer wieder in Konflikt mit dieser Gesellschaft geraten, die zu „Tätern" werden.

Necla Kelek beschreibt in ihrem Buch Lebenswege türkisch-muslimischer Jungen und Männer, von Söhnen und Vätern. Sie hat sie in ihren Familien aufgesucht, im Alltag beobachtet und in ihre türkische Heimat begleitet; sie besuchte Jugendliche in Schulen, straffällig gewordene Männer in bundesdeutschen Gefängnissen. Das Buch, so die Autorin, gründe sich auf eine, seit 15 Jahren währende Beschäftigung mit dem Thema. Ihre Methode folge der qualitativen Sozialforschung. Die grundlegenden Merkmale der türkisch-muslimischen Männerrolle beschreibe sie anhand ausgewählter Beispiele. Die Wissenschaftlerin betont, ihre Arbeit erhebe nicht den Anspruch einer empirisch repräsentativen Bestandsaufnahme. Sie nenne folglich kaum Zahlen; die gebe es nicht. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk wird die Autorin dann aber doch konkret: Das Bildungsniveau unter türkischen Schülerinnen und Schülern sei unzureichend, was ihre Chancen in der bundesdeutschen Gesellschaft deutlich mindere.

„Mit diesen Strukturen, diesen Familienstrukturen, die traditionell aus den Dörfern hergebracht wurden, wurden diese Kinder und auch diese Eltern, alleingelassen, man hat sie darin immer nur bestätigt und als kulturelle Vielfalt gefeiert, jetzt kommt aber raus, dass sie das nicht schaffen, diese alte Kultur hier zu leben und trotzdem hier anzukommen. Siehe die Zahlen, was hier mit den Kindern passiert: 40 Prozent gehen mit Hauptschulabschluss raus, 20 Prozent schaffen die Realschule, 5 Prozent gerade Gymnasium, der Rest Abgangszeugnis. Das sind doch verheerende Zahlen, wo wir in zehn Jahren fast 40 Prozent Migrantenkinder in den Schulen haben werden."

Die Strukturen türkischen Lebens, die die Sozialwissenschaftlerin beschreibt, wirken befremdlich, legt man hiesige Vorstellungen eines frei bestimmten Lebens von Familiengründung und Partnerwahl zugrunde. Dominierende Person im türkisch-muslimischen Alltag ist der Ehemann und Vater. Er ist nicht nur für das materielle Wohl der Familie verantwortlich, sondern hat über das Leben von Frau und Kindern zu wachen, das sich an eng gefasste, religiös-kulturell überkommene Grundsätze zu orientieren hat. Seine Stellung ist absolut. Innerhalb der Familie schuldet ihm jeder Respekt und Gehorsam. Wer sich im Guten nicht beugt, muss mit Bestrafung rechnen, die zwar nicht zwingend mit Gewalt einhergeht, diese aber weder ausschließt noch ihr Schranken setzt. Diese Männer sind Herrscher – und doch zugleich Gefangene von Tradition, Gesetz und Religion.

„Dieses Buch erzählt ihre Geschichten, die mich überhaupt erst begreifen ließen, dass sie selbst als Täter oft nur „Opfer" der muslimischpatriarchalischen Verhältnisse sind, „Opfer" der starren Gebote einer archaischen Männerrolle und eines verpflichtenden Selbstbildes, das ihnen keinen Entscheidungsspielraum gelassen hat. Für die deutsche Gesellschaft ist der muslimische Mann ein „unbekanntes Wesen". Sozialarbeiter, Lehrer, Polizisten, Richter müssen sich mit ihrem Verhalten oder ihren Taten auseinandersetzen, wobei die Motive oft unerklärlich erscheinen. Die türkischen, vor allem die muslimischen Männer scheinen das größere Integrationshindernis zu sein. Das muss sich ändern."

Necla Kelek betont, dass der Vater nicht zuletzt verpflichtet ist, seine Kinder, Söhne wie Töchter, zu verheiraten, um den Bestand der Familie im Kontext der religiös-kulturellen Tradition zu sichern. Schwiegertochter wie Schwiegersohn sollten möglichst dem türkisch-muslimischen Umfeld entstammen, was in der Regel auch der Fall ist. Gelingt dies, ist die Familienehre gewahrt. Dieser Ehrbegriff, der Männer einengt und belastet, bindet alle Familienangehörigen – ihm zu entrinnen, ist so gut wie unmöglich, es sei denn, Mann, Frau, Sohn oder Tochter brechen mit der eigenen Familie. Damit bringen sie allerdings Schande über die eigene Sippe, tiefe Schuldgefühle sind nicht selten die Folge. Um Integration zu ermöglichen, fordert Necla Kelek deshalb Einmischung:

„Also, ich finde, es ist sehr wichtig, dass darüber gesprochen wird und gezeigt wird und gesagt wird, was Konsens ist, was wir unter Demokratie verstehen, und dann heißt es: einfordern. Es ist nicht (genug), wie die Sozialpädagogen wie Sozialarbeiter seit 20, 30 Jahre Hilfe anzubieten, um in diesen Familien überhaupt den ganzen Frust, den diese Kinder ja auch haben, abzufangen. Darum geht es mir nicht. Es geht mir darum, dass in den Schulen ganz klar gesagt wird: Das ist ein Demokratiewiderspruch, dieses Gesellschaftssystem, diese Familienstruktur, ihr habt ein Recht auf Selbstbestimmung, und dieses Selbstbewusstsein muss diese Gesellschaft als Alternative für ihr Leben geben und dass ich das lerne, und dann kann ich immer noch entscheiden: Werde ich ein frommer Muslim und verlasse nie das Haus, oder ich packe meinen Rucksack und ziehe mal ein bisschen in die Welt."

In ihrem Buch stellt die Autorin auch an die offiziellen Vertreter des Islam konkrete Forderungen: Koranschulen sollten ihre Konzepte und die Inhalte, die sie vermitteln, öffentlich machen. Unterricht und Predigt müssten in deutscher Sprache erfolgen. Die Teilnahme an Veranstaltungen sollten Frauen wie Männern gleichberechtigt offen stehen. Betreiber von Moscheen müssten ihre Finanzen und ihre Satzungen offen legen. Und: Necla Kelek fordert eine neue Sicht der bundesdeutschen Heimat - von den Hinzugezogenen, die hier Aufnahme fanden, aber auch von denen, die seit vielen Generationen hier leben. Sie ist überzeugt, dass ihr Buch dazu beitragen kann, Einstellungen zu verändern:

„Ich habe eine Hoffnung, dass die meisten, die eigentlich schon längst weg sind mit ihrem Verstand, mit ihrem Kopf, aber sich nicht trauen, weil sie sagen: Was soll meine soziale Umgebung sagen, was soll ... Die Deutschen lassen ja auch lieber die Kinder bei ihren Familien, als dass man ihnen sagt: Geh doch, du wirst es trotzdem schaffen. Also genau die, die das sowieso schon im Kopf vollzogen haben, für die wird das das richtige Buch sein. Die anderen, die davon so überzeugt sind, dass diese Tradition genau das richtige Leben für sie ist, die werden bleiben und können auch bleiben und sollen ihr Leben leben, aber die anderen müssen hier eine Chance bekommen."

Zwar ist die Frage, wie repräsentativ das jüngste Buch von Necla Kelek wirklich ist, wohl nicht befriedigend zu beantworten. Dennoch: Die Arbeit erlaubt Einblicke in die türkisch-muslimische Gemeinschaft, die vor allem unter türkischen Männern eine kontroverse Aufnahme finden dürften. Die überfällige Diskussion um Lebensentwürfe, Integration und Parallelgesellschaften ist bereits entbrannt – es ist zu wünschen, dass sie Deutsche wie Türken gleichermaßen erreicht, denn nur so dürfte Integration tatsächlich eine Chance haben.